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In Erinnerung an VALIE EXPORT (1940–2026)

Foto: Violetta Wakolbinger, 2017 | VALIE EXPORT Center Linz

VALIE EXPORT war von 1995 bis 2005 Professorin für Multimedia und Performance an der Kunsthochschule für Medien Köln. 

Ein Nachruf von Dr. Susanna Schoenberg, postgraduierte Absolventin und ab 2003 künstlerisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin von VALIE EXPORT an der Kunsthochschule für Medien Köln.

VALIE EXPORT verstarb am 14. Mai 2026, kurz vor ihrem 86. Geburtstag – die Künstlerin mit dem Namen in Versalien, den sie sich 1967 selbst gegeben hatte, worüber sich manche ihrer Kollegen ärgerten, da ein Name in Großbuchstaben aus einer Liste vieler Ausstellungsteilnehmenden (heraus) schneller und einprägsamer wahrzunehmen ist.


EX-PORT: aus dem Hafen heraus. Sie sagte, es sei richtig, einen eigenen Namen zu führen, also nicht den Namen des (eigenen) Mannes oder des (eigenen) Vaters zu tragen. Sich einen Namen zu geben, der möglicherweise auch für eine Bedeutung sorgen kann, einen Begriff oder eine Berufung verkörpere. So führte VALIE EXPORT ihre Gedanken aus sich heraus, aus dem Hafen ihrer Eigenwelt in die (weite) Welt hinaus. So wie ein Päckchen Zigaretten, das zirkuliert und aus dem sich Einzelne von Zeit zu Zeit eine (Zigarette) nehmen.


MADE IN AUSTRIA. Geboren war sie in Linz. VALIE EXPORT bezog sich ausdrücklich auf Österreich als ihren kulturellen Kontext, die ästhetische und geistige Tradition, mit der sie als Kind interagiert hatte. Trotz der Erfahrungen im Ausland, des Austauschs mit und der Mitwirkung an international geprägten Diskursen und der Aneignung von Konzepten aus dem angelsächsischen Kulturraum, trotz der grundsätzlichen Strategie eines Bruchs mit jeglicher Vorstellung von Traditionalismus, trotz der transnationalen Ausrichtung feministischer Standpunkte betonte sie oft ihr Von-Etwas-gemacht-worden-Sein. So sehr war sie in der Sprache, dass trotz der Übersetzungen, der Aktionen, der Visualisierungen, der technischen Übertragungen im Kern ihr Werk eine deutsche Sprache spricht.


Ihre Faszination für die Sprache entspricht ihrer grundsätzlichen Strategie, nach dem Ursprung zu schauen – der Phänomene, Neigungen, Präferenzen, Assoziationen, also der Relationen zu den Phänomenen. Über Jahre verfolgte VALIE EXPORT in Skizzen und Werken die Begierde, den Ursprung der (ihrer) Sprache zu sehen, genau dort, wo der Körper (ihre Glottis) spricht. Für die Installation Der Schmerz der Utopie, die Teil der 52. Biennale in Venedig war, ließ VALIE EXPORT ein Laryngoskop durch ihre Nase in den Rachen einführen, um Aufnahmen ihrer Glottis zu zeigen, während ihre Stimmritze einen Text spricht. Der Beginn der (ihrer) Stimme: einer der Orte, an denen VALIE EXPORT mit sich selbst eine Identität verhandelt, die sie (endlich) annehmen kann. Weil, wie sie selbst erkannte, Nicht-Identität niemals gegeben ist, da sie sich von der Vorstellung von Identität ableitet.


VALIE EXPORT liebte es zu lehren. Ab den 1980er-Jahren unterrichtete sie in Linz, München, San Francisco, Milwaukee, Wien und Berlin, bis sie 1995 an die Kunsthochschule für Medien Köln (KHM) kam, um hier eine Professur für Multimedia und Performance anzutreten. ​​„Der Riß im Bild – der Bruch in der Wahrnehmung“ lautete der Titel ihrer Antrittsvorlesung. Ihr Standpunkt: Medien sind dafür da, um (Selbst-) Wahrnehmung zu erforschen und zu reflektieren. Bilder und Apparate stehen (dem Selbst) zur Verfügung, um über eine Differenz sich selbst zu erkennen. In der Bildtheorie und -praxis von VALIE EXPORT gibt es (nur) Risse: Formen, die der Körper als beschwerlich oder fremd, oft „antagonistisch“ erfährt – „ihr“ Körper, der Körper einer Frau. Ihre Hände halten Glasscheiben, die durchschossen werden, ihren Bauch lässt sie als baumelnden Brotlaib schneiden, mit der Klinge schneidet sie ihre Nagelhaut auf, ihren Körper legt sie auf Stufen und andere architektonische Objekte. Sie kommt aus der filmischen Praxis und kennt die Materialität des Films und der filmischen Apparate, sie trägt Kameras am Körper, schneidet Leinwände aus, realisiert zahlreiche Skizzen transmedialer und intermedialer Übersetzung. Ihr „Material“ ist/wird einer Sprache der Definitionen und der definitorischen Operationen unterworfen.


An der KHM verfolgte VALIE EXPORT Themen der multimedialen Inszenierung; in ihrem Kolloquium spielten die Ideen einer Erweiterung der Medien, der Rückkoppelung und der Hybridisierung von Realität durch Virtualität, eine große Rolle. VALIE EXPORT schätzte die Praxisbezogenheit der jungen Hochschule sehr und widmete viele Seminare der Förderung und Diskussion eines freien und experimentellen Arbeitens. Die Selbstreflexion der künstlerischen Arbeit und der eigenen Arbeitsideen ist die Aufgabe, die sie auf die Studierenden übertrug. Sie verlangte Präsenz im Atelier und Offenheit für Technik und Technologie. Auch unterstützte VALIE EXPORT mit ihrem Seminarangebot die Vorstellung einer Gleichberechtigung wie auch einer „Zusammengehörigkeit“ der Künste und Wissenschaften. In Kollaboration mit Kolleg*innen aus dem Bereich der Medienwissenschaften gestaltete VALIE EXPORT Seminare zu Gedächtnis und Erinnerung, Bio/Gen/Anthropotechniken, Labyrinthen, Code art. Mit der Kuratierung der Medienkunstausstellungen expanded arts und expanded arts II beendete VALIE EXPORT ihre Tätigkeit an der KHM im Jahr 2005.


Die Institutionalisierung ihrer Position als internationale Künstlerin und anerkannte Pionierin verschiedener Diskurse in den letzten 20 Jahren ihres Schaffens lässt sich an zahlreichen internationalen Ausstellungen und Retrospektiven, Publikationen und Preisen festhalten. 2015 erwarb die Stadt Linz als Vorlass das Archiv von VALIE EXPORT, das 2017 dem VALIE EXPORT Center Linz übertragen wurde. Das VALIE EXPORT Center ist eine Kooperation der Stadt Linz mit dem LENTOS Kunstmuseum und der Kunstuniversität Linz. Als international ausgerichtetes Forschungszentrum fördert es die künstlerische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Medien- und Performancekunst und verkörpert im eigenen Instrumentarium die methodologische Vorstellung einer Filmemacherin und Künstlerin, die gerne Texte schrieb und auf der Suche nach der Quelle jeden Gedankens unzählige Bezüge hervorbringen konnte – aus sich selbst heraus, aus jenem Selbst, das nur in der Naht, der Sutur sich wiederfindet.
 


SEMPER ET UBIQUE – IMMER UND ÜBERALL. So bleiben ihre Gedanken (in „dieser“ Welt).


Susanna Schoenberg

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