
VALIE EXPORT war von 1995 bis 2005 Professorin für Multimedia und Performance an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM). Ein Nachruf von Prof. Dr. Siegfried Zielinski, Gründungsrektor und Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Kunsthochschule für Medien Köln von 1993 bis 2007.
„Sich aussetzen, Verletzlichkeit sichtbar machen, sich preisgeben, Körperlichkeit ausstellen, sich exponieren, Fremdbestimmungen kassieren, die feministische Seite des Aktionismus hat einen Namen: VALIE EXPORT.“
(aus: "Staging EXPORT", 2010, Carola Hilmes und Margarete Lamb-Faffelberger).
Die gebärende Waschmaschine [Die Geburtenmadonna], Aus der Mappe der Hundigkeit, Hyperboulie, das in den Oberschenkel tätowierte Strumpfband [Body Sign Action], die Aktionshose: Genitalpanik, das TAPP und TASTKINO, Ping Pong. Ein Film zum Spielen - ein Spielfilm, Metanoia, Remote…Remote...
Es gibt Künstlerinnen und Künstler, die mit nur einem einzigen oder wenigen ikonischen Kunststücken in die Geschichte eingegangen sind. VALIE EXPORT hat solche Meisterwerke wie am Fließband geschaffen. Über mehr als sechs Jahrzehnte intervenierte sie mit einzigartiger ästhetischer und politischer Kraft in die etablierten Körper- und Geschlechterverhältnisse, die die Hegemonen vergeblich vorzuschreiben versuchten. Immer auch auf der Höhe der Zeit, was die Techniken betrifft, die sie für ihre Kunst benutzte. Mit Peter Weibel hatte sie in den Jahren des Wiener Aktionismus dafür einen kongenialen Partner.
Als wir sie Mitte der 1990er als Professorin für Multimedia-Performance zur Mitarbeit an der noch jungen Kunsthochschule für Medien Köln gewinnen konnten, war sie auf dem Höhepunkt ihrer professionellen Karriere. Die Universität der Künste in Berlin, die seinerzeit die größte Kunsthochschule Europas war, ließ sie nur schweren Herzens gehen. Aber VALIE EXPORT entschied sich einmal mehr für die Herausforderung, das experimentelle Abenteuer sowie die Fokussierung auf das spannende Wechselspiel von Künsten und Medien.
Zwischen ihren weltweiten Ausstellungen und Projekten war sie viel unterwegs. Wir sahen sie weniger als andere Kolleginnen und Kollegen. Ihre Aura als international gefeierte Künstlerin war allerdings auch präsent, wenn sie physisch nicht anwesend war. Stets strahlte sie eine souveräne positive Autorität aus. Die jungen Frauen und Männer, die in ihrem Umfeld studierten, motivierte sie zu besonderen Leistungen. Zumal sie wussten, wie kritisch VALIE EXPORT in der Diskussion künstlerischer Werke und Prozesse sein konnte.
Ab den 1990ern wurden der Ausnahmekünstlerin Auszeichnungen en masse verliehen, später auch durch den österreichischen Staat. Solche Wertschätzung wurde ihr nicht immer zuteil. Als ich 1993 die Universität Salzburg verließ, um an der neu gegründeten KHM zu lehren und zu forschen, schlug ich VALIE EXPORT als meine Nachfolgerin vor. Die Männer der Fakultät gerieten außer sich vor Empörung („nur über meine Leiche!“) und erstickten das Vorhaben schon im Keim. Es war mir eine besondere Ehre, sie wenige Jahre später als Kollegin in Köln begrüßen zu dürfen.
Wenige Tage vor ihrem Tod korrespondierten wir noch miteinander. Nicht nur für mich stellt VALIE EXPORT einen völlig unersetzbaren Mikrokosmos radikaler und engagierter Medienkunst dar. Ich hoffe, dass ihr Geist noch lange durch die Gänge und Werkstätten der ersten Kunsthochschule für Medien weht.
Siegfried Zielinski