
Wut als marginalisierte Emotion in gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen bildet das inhaltliche Zentrum der Diplomausstellung von Raika Er.
Die Arbeit TO HOLD WHAT BREAKS verortet Wut als marginalisierte Emotion in gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Wut nicht für alle gleichermaßen legitim ist: Während sie bei privilegierten Personen häufig als Stärke oder Durchsetzungsfähigkeit gilt, wird sie bei FLINTA* und BIPOC pathologisiert, abgewertet oder als Bedrohung markiert. Wut ist demnach nicht nur ein individuelles Empfinden, sondern auch ein Ausdruck von Machtverhältnissen. In Anlehnung an Sara Ahmed wird Wut nicht als rein innerpsychischer Zustand verstanden, sondern als relationale Kraft, die zwischen Körpern, Normen und Bedeutungen zirkuliert. Gefühle sind dabei nicht nur Reaktionen auf Ungerechtigkeit, sondern prägen mit, was überhaupt als ungerecht gilt, für wen wir Empathie empfinden und wer es wert ist, betrauert zu werden. Somit kann Wut nicht als bloß „negatives Gefühl“, sondern als affektive Beziehung zur Welt verstanden werden, die bestehende Ordnungen infrage stellt. Wut durchbricht normative Erwartungen und macht Verletzungen sichtbar, weswegen sie eine zentrale Rolle in feministischen Kämpfen um Anerkennung und Gerechtigkeit spielt. Als oft abgewertete Emotion verweigert sie Anpassung und hält an Erfahrungen fest, die nicht abgeschlossen sind oder einfach überwunden werden können. In diesem Sinne kann Wut als eine produktive, wenn auch ambivalente Kraft verstanden werden. In Kontexten von Gewalt ist Wut oft eines der wenigen Gefühle, das eine Grenze markiert. Sie zeigt an, dass etwas nicht in Ordnung war, auch dann, wenn das Umfeld es verharmlost oder das Rechtssystem nicht greift. Wut wirkt gegen Sprachlosigkeit und widerspricht der Forderung, „einfach darüber hinwegzukommen“. Wo Wut persönliche Erfahrung mit struktureller Kritik verbindet, wird sie zum Ausgangspunkt emanzipatorischer Bewegungen. In TO HOLD WHAT BREAKS geht es um Intuition, Sprachlosigkeit und Ausdruck, individuelle Erfahrung und kollektive Struktur. Auch wenn nur ein einzelner Körper sichtbar ist, bleibt er stets in ein Geflecht aus Erinnerungen, Beziehungen und historischen Kontinuitäten eingebunden. (Text: Raika Er)
Raika Er ist eine interdisziplinäre Künstlerin, Performerin und Filmemacherin. In ihren Arbeiten untersucht sie die Themen von postmigrantischer Identität und Resilienz. Medienübergreifend widmet sie sich Fragen des intergenerationellen Erinnerns, intersektionaler und materieller Feminismen sowie von Zugehörigkeit.
EN
The work TO HOLD WHAT BREAKS situates anger as a marginalized emotion within social and political relations. It is based on the idea that anger is not equally legitimate for everyone: while it is often perceived as strength or assertiveness in privileged individuals, it is pathologised, devalued, or marked as a threat when expressed by FLINTA* and BIPOC individuals. Therefore, anger is not only an individual emotion, but also an expression of power relations. Drawing on Sara Ahmed, anger is understood not as a purely internal psychological state, but as a relational force that circulates between bodies, norms, and meanings. Emotions are not only reactions to injustice; they also shape what is perceived as unjust in the first place, who we feel empathy for, and whose lives are considered worthy of grief. In this sense, anger cannot be reduced to a "negative emotion", but can be understood as an affective relation to the world that challenges existing orders. Anger disrupts normative expectations and makes injuries visible, which is why it plays a central role in feminist struggles for recognition and justice. As an emotion that is often devalued, anger refuses assimilation and holds onto experiences that remain unresolved or cannot simply be overcome. In this way, anger can be understood as a productive, albeit ambivalent force. In contexts of violence, anger is often one of the few emotions that marks a boundary, as an insistence that something was not okay, even when the surrounding environment trivialises it or the legal system fails to respond appropriately. It resists silence and contradicts the demand to 'simply move on'. Where anger connects personal experience with structural critique, it becomes the starting point for emancipatory movements. TO HOLD WHAT BREAKS is about intuition, speechlessness, and expression, individual experience and collective structure. Even when only one body is visible, it remains embedded in a network of memories, relationships and historical continuities. (text: Raika Er)
Raika Er is an interdisciplinary artist, performer, and filmmaker. In her work, she explores the themes of post-migrant identity and resilience. Working across media, she engages with questions of intergenerational memory, intersectional and material feminisms, and belonging.
Raika Er – TO HOLD WHAT BREAKS
28.05.–13.06.2026
GLASMOOG
Kunsthochschule für Medien Köln
Academy of Media Arts Cologne
Heumarkt 14
50667 Köln
Öffnungszeiten / Opening hours:
Mi - Sa | Wed - Sat, 14 – 19h